Lehrer

Alle Erscheinungen dienen der Unterweisung. Alle Wesen sind unsere Lehrer.
Wir begreifen uns selbst vielleicht dann am Ehesten, wenn wir alle Eindrücke, die an unser innerstes Selbst herantreten, als Möglichkeit, zu lernen betrachten. Bei dieser Suche nach Erkenntnis kommt es maßgeblich auf unsere Haltung zu den uns begegnenden Eindrücken an.


Ein Baum mag für den Einen bloß einen Baum darstellen, während der Suchende ihn vielleicht als Wesen sieht, welches – wie wir selbst – aus Nichtwissen geboren wurde, um dann dem Trieb, zu wachsen und gedeihen zu folgen und dieses zu verWIRKlichen. Wir können uns selbst dann wohl am Ehesten erkennen und selbst-reflektieren, wenn wir unser Denken, Fühlen und Handeln als Reaktionen auf unsere Sinneswahrnehmungen begreifen. So vertauschen sich Ursache und Wirkung in unserem ErLEBEN und wir werden in die kostbare und gewinnbringende Lage versetzt, der Determiniertheit allen Seins gewahr zu werden.
Ein jedes fühlende Wesen, welches uns auf unseren Wegen begegnet, ist für unsere Reifung von Nutzen und niemals „zufällig“ gesandt.
Es liegt einzig im Auge des Betrachters, ob wir flüchtig und unachtsam unsere Begegnungen WAHRnehmen, oder ob wir vielmehr den dahinterliegenden metaphysischen Sinn eines jeden Erlebens begreifen wollen. Dies geschieht meiner Erfahrung nach maßgeblich über die Methode, dass wir uns – im direkten Kontakt und Erleben eines „Du“ – auf unsere innersten Gefühle und Gedanken besinnen, um hierdurch zu erkennen, welcher Art die Unterweisung und die Lehre sind, die wir erfahren.
Einzig unsere Angst, nicht geliebt um unserer Selbst willen zu sein, lässt uns misstrauisch und hochmütig sein. Wir folgen dem Motiv des falschen Egos, indem wir glauben, durch Selbstdarstellung und Auseinandersetzung auf intellektueller Ebene Liebe erspüren zu können. WAHRE Liebe und ECHTES Erkennen finden jedoch im Herzen statt und deshalb mögen die Motivationen unseres Seins auch von dort kommen.
Der Bettler am Straßenrand mag für den Unachtsamen einfach nur ein Bettler sein, der eine individuelle Geschichte hinter sich hat und mit sich trägt, die sein Schicksal zu dem hat werden lassen, was er nun „ist“. Der Achtsame hingegen, wird sich vielleicht auf die unendliche Vielfältigkeit menschlichen Lebens besinnen; Er mag unter Umständen dankbar dafür sein, dass jener Bettler ihn an die Notwendigkeit ehrlichen und aufrichtigen Mitgefühls erinnert; Er mag die Kostbarkeit seiner eigenen – günstigenfalls materiell abgesicherten – Position in seinem Leben erkennen; Vielleicht sieht er auch die Gemeinsamkeit mit jenem Bettler, der sich genauso nach Liebe und Glück sehnt, wie er selbst. Und schließlich mögen sich seine Erkenntnisse in Handlungen umsetzen – indem er dem Bettler ein Almosen feilbietet.
Maßgeblich für das Erkennen der eigenen sittlichen Reife und der persönlichen Entwicklung ist die stetig zu übende und zu praktizierende Meditation. Meditation wird auch als „Versenkung“ begriffen und ich finde, dieser Begriff beschreibt umfassend, worauf es in kontemplativer Stimmung anzukommen scheint.
Wer sich „versenkt“, hört auf seine innere Stimme und betrachtet ruhig sein inneres Erleben, während er den Reizen seiner Sinne ausgesetzt ist. Hierüber wird der Übende schnell der Vernetztheit allen Lebens gewahr und erkennt sich als untrennbar mit Allem-was-ist verbunden. Gott zu „erfahren“ findet IMMER im Jetzt statt, also in unser aller Alltag. Eine Fokussierung auf das Jetzt mag klugerweise die ständige, innere Frage beinhalten: „WARUM erlebe ich gerade jetzt dieses oder jenes? WAS mag mein Erleben gerade jetzt für mich bedeuten? WIE erkenne ich einen Sinn in jenem Erleben? WER bin ich?“
Das Leben als Lehre zu betrachten, ist meiner Erfahrung nach nicht nur für einen ruhigen und ausgeglichenen Geist zuträglich, sondern führt vielmehr zu Gelassenheit und Frieden im Herzen. Aufregungen werden als temporäre Impulse wahrgenommen, die ihren – irgendwie gearteten – Zweck erfüllen, auch wenn dieser uns zunächst meist verschlossen bleibt.
Zugegeben: Das Erkennen im Jetzt ist mitunter schwierig zu verwirklichen. Aus diesem Grund ist es für den wahrhaft Praktizierenden von erhabenster Bedeutung, sich zur regelmäßigen Meditation an einen ruhigen und anheimelnden Ort zurückzuziehen. Die Meditation mag den unterschiedlichsten Methoden folgen; Ich persönlich nutze wesentliche Momente der Reflektion über mein vergangenes Erleben. Hierüber erkenne ich oftmals im Nachhinein den möglichen Sinn einer gemachten Erfahrung, der mir zunächst – im unmittelbaren Erleben – verschlossen blieb.
Eine fortwährende „Prüfung“ des eigenen Erlebens und eine permanente Infragestellung der eigenen Motivationen und der daraus resultierenden Handlung führt direkt und unmittelbar zur Zufriedenheit.
Erkennen geschieht, indem wir auf unsere Herzen hören und den Wirrungen des Geistes – gleichmütig prüfend – misstrauen. Hierüber reifen wir zur Meisterschaft und entwickeln die unermesslich gewinnbringende Tugend der Bescheidenheit.
Mögen wir alle also unser Erleben und unsere Begegnungen als Mittel zum Zweck begreifen, uns selbst zu erkennen – indem wir alles, was in und um uns geschieht als fortwährende Unterweisung begreifen.

 

 

„Ich selbst habe die Erleuchtung erlangt – wessen Schüler sollte ich mich nennen? Ich selbst bin der unvergleichliche Lehrer.“

Gautama Buddha

 

Hinterlasse eine Antwort