ZEN

Alles Leben ist vergänglich.
Dennoch währt Existenz ewig.
Wenn das Wesen unseres Seins, unsere eigentliche Wahrheit, in Form eines Geistwesens (Gandharva) in den Körper eintritt, entsteht durch die Geburt jene Ausdrucksform unseres Seins, die wir gemeinhin Leben nennen. Diese Reise unterliegt im materiellen Universum bestimmten, allgemeingültigen Regeln. Einen Wesenszug in unserer Welt stellt die Vergänglichkeit allen Lebens dar. Alles Leben unserer Erfahrungsebene beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Dieser Umstand gestaltet sich unserer Erfahrung nach als unmittelbar leidvoll und findet hierin vielfältigen Ausdruck.

Alles – wirklich alles – Leben strebt, wandelt sich, erkrankt, altert und vergeht – auch, wenn die grundsätzliche Unsterblichkeit in Ewigkeit auf metaphysischer Ebene hiervon unberührt bleibt. Infolgedessen mögen wir jenen Ausdruck der Vergänglichkeit nicht leugnen, sondern uns vielmehr bewusst sein, dass wir kraft unseres Geistes die “Wirklichkeit” durchdringen können, um sie schließlich zu überwinden. Das Nirwana, als Sinnbild der Beständigkeit, die keinerlei Wandlungen mehr unterworfen ist, findet meines Erachtens nach im Erkennen der inneren Mitte statt und eben nicht durch Leugnung der Gesetze der Welt.
In jedem Leben kommt es einerseits zur Reifung (in Form erhöhter Bewusstwerdung) und andererseits zu Verfall. Im Erkennen dieser Mechanismen, im Erspüren dieser “Wahrheit” liegt ein Motiv grenzenloser Heiterkeit. Ein friedvolles Anerkennen der Mechanismen innerhalb unserer “Realität” bildet die Grundlage zu ihrer Überwindung. Dieses wird im Allgemeinen durch Vertrauen auf die Ordnung der Schöpfung erreicht – was wiederum die Ursache für Gelassenheit darstellt. Eine weitere Folge der Betrachtung des eigenen Seins in der Eingebettetheit im Kosmos stellt eine sich – graduell unterschiedlich stark – abzeichnende Achtsamkeit im ErLeben auf unserer Ebene dar.
Was mag dies alles also für uns praktisch bedeuten?
Wir alle mögen heiter, friedvoll und gelassen erkennen, dass unsere Wanderungen Bestandteile einer höheren und umfassenderen Ordnung sind und somit unmittelbaren Gewinn für unser tägliches Erleben hieraus ziehen. Wir mögen weiterhin uns bewusst werden, dass alles Leben aus einer gemeinsamen Quelle stammt und dies möge uns zu Geduld und Milde im Umgang miteinander führen. Im Erkennen dieser Gemütsregungen erleben wir unseren inneren Frieden und mögen uns zu duldsamen, freundlichen und gütigen Wesen formen. Hierüber bildet sich für uns dann in der Regel die Möglichkeit, unser Sein als heiter zu erleben und wir können die Freude gleichmütigen Mitgefühls entdecken. Durch das Erkennen unseres gemeinsamen Ursprungs formt sich Dankbarkeit in unserem bewussten Erleben und Gefühle der Ängstlichkeit, der Verlassenheit und der Einsamkeit werden überwunden.
Auch wenn wir gelegentlich den für uns selbst gefundenen Pfad der Wahrheit zu verlassen scheinen, führt uns unsere einmal getroffene Wahl, unser Sein zu meistern, stets auf unseren einst gewählten Weg zurück.
Jene Tugend des Erkennens des fortwährend eigenen Wandels ist meiner Erfahrung nach wirkungsvoller und einsichtsreicher als das bloße Befolgen jener Moralvorstellungen unserer Väter (wenngleich diese in der Regel dennoch ihre Berechtigung haben). Frieden entsteht wohl dann am Ehesten in uns, wenn wir uns nach den individuellen Bedürfnissen unserer Seele befragen und ihnen dann folgen.
In der eigenen inneren Mitte zu ruhen, bedeutet, individuelle Wege zu beschreiten und der persönlichen erkannten Wahrheit zu folgen, auch wenn sich diese im Laufe unserer Reise wandelt. Ein praktischer Weg, der hier möglicherweise beschritten werden mag, liegt in der Anerkenntnis eigener Vergänglichkeit.
In der buddhistischen Lehre wird großer Wert auf die meditative Auseinandersetzung mit dem Tod gelegt. Diese Übung mag sehr wertvoll für das Gewahrsein der Vergänglichkeit sein; dennoch ändert sie nichts am unvermeidlichen Ende eines jeden Lebens auf dieser Ebene.
Ob unsere Erfahrungen mehr oder weniger leid- bzw. friedvoll sind, hängt maßgeblich von unserer Haltung zu den Dingen ab. Der Geist ist der Meister unseres Seins und es liegt an uns selbst, ob wir die Fingerzeige des Schicksals begreifen und umsetzen wollen.
Geboren werden, Altern und Sterben sind natürliche Prozesse und Gegebenheiten und ein gelebtes Leben stellt lediglich eine Station auf unser ewigen Reise in die Unendlichkeit dar.

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